DIE FOLGEN DER RÄTEKOMMUNISTISCHEN ANALYSE

Добавлено icc, Суб, 2005-07-09 20:41

Obgleich nicht unbedingt für die Beweis­führung nötig, ist es dennoch notwendig, in Erinnerung zu rufen, dass Russland 1917 die fünftgrößte Industriemacht auf der Welt war, und in dem Maße wie die Entwicklung des Kapitalismus in Russland zu einem Großteil die Stufe der Entwicklung des Handwerks und der Manufaktur übersprungen hatte, nahm der russische Kapitalismus die modernste und konzentrierteste Gestalt an (mit mehr als 40.000 Arbeitern war Putilow die größte Fabrik auf der Welt). Aus rätekommunistischer Sicht kann das bürger­liche Wesen der russischen Revolution an­hand lokaler Bedingungen erklärt werden. Dies traf teilweise für die in der Tat bürgerlichen Revolutionen von 1640 in England und 1789 in Frankreich zu. Die ungleiche Entwicklung des Kapitalismus ermöglichte es der Bourgeoisie, zu ver­schiedenen Zeiträumen und in verschiedenen Ländern an die Macht zu gelangen. Dies war ebenso möglich, weil die Nation der be­sondere geopolitische Rahmen des Kapitalis­mus ist, ein Rahmen, über den der Kapita­lismus trotz aller Anstrengungen nie hin­ausgehen kann. Aber während es dem Kapita­lismus möglich war, sich auf "Inseln" innerhalb der autarken feudalistischen "Gesell­schaft zu entwickeln, kann der Sozialismus nur auf Weltebene existieren, wo er alle Produktivkräfte und die von dem Kapitalis­mus geschaffenen Zirkulationsnetze verwen­det. Schon l847 antworteten Marx und Engels kategorisch auf die Frage: "Wird die Revolution in einem einzigen Lande allein stattfinden können?", "Nein, die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung mit einander ge­bracht, dass jedes einzelne Volk davon ab­hängig ist, was bei einem anderen geschieht. ... Die kommunistische Revolution wird da­her keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern...gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein.. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben." (Engels, Grundsätze des Kommunismus, l847, MEW 4, S.37).

Das, was von den Revolutionären l847 schon begriffen wurde, musste nach der Zeit der größten Expansion des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Grundlage jeglicher proletarischer Perspektive zur Zeit des ersten Weltkrieges werden.

Der Krieg bewies, dass der Kapitalismus seine fortschrittliche Aufgabe der Entwicklung der Produktiv­kräfte auf Weltmaßstab durchgeführt hat­te, dass es in der Epoche seines histori­schen Verfalls getreten war, und dass notwendigerweise eine bürgerliche Revo­lution nicht mehr stattfinden konnte. Die einzige Revolution auf der Tagesord­nung der Geschichte war die proletari­sche Revolution auf der ganzen Welt, Russland eingeschlossen. Diese Analyse wurde nicht nur von Lenin vorgebracht, dessen Geist mit "vulgärmaterialisti­scher Philosophie" durchdrungen war, dem nachgesagt wird, er wolle die weltkommu­nistische Bewegung in einen Apparat zur Verteidigung des russischen Staatskapi­talismus umwandeln. Diese Analyse wurde ebenso von einer Reihe Revolutionäre vertreten, welche manche dem "bürgerlichen" Lenin gegenüberzustellen versucht haben, und deren proletarischen Positionen oder Kenntnisse der "Ereignisse in Russland" niemals von den Rätekommunisten in Frage gestellt worden sind: Rosa Luxemburg. Sie schrieb zu jener Zeit: "Dieser Verlauf ist aber für jeden denkenden Beobachter auch ein schlagender Beweis gegen die doktrinäre Theorie, die Kautsky mit der Partei der Regierungssozialisten teilt, wo­nach Russland als wirtschaftlich zu­rückgebliebenes, vorwiegend agrarisches Land für die soziale Revolution und für eine Diktatur des Proletariats noch nicht reif wäre. Diese Theorie, die in Russland nur eine bürgerliche Revolution für angängig hält - aus welcher Auffassung sich dann auch die Taktik der Koalition der Sozialisten in Russland mit dem bürgerlichen Liberalismus ergibt - ist zugleich diejenige des opportunistischen Flügels in der russischen Arbeiterbewegung, der so genannten Menschewiki unter der bewährten Führung Axelrods und Dans. Beide, die russischen wie die deutschen Opportunisten, treffen in dieser grundsätzlichen Auffassung der russischen Revolution, aus der sich die Stellungnahme zu den Detailfragen der Taktik von selbst ergibt, vollkommen mit den deutschen Regierungssozialisten zusammen: Nach der Meinung aller drei hätte die russische Revolution bei jenem Stadium halt machen sollen, das sich die Kriegführung des deutschen Imperialismus nach der Mythologie der deutschen Sozialdemokratie zur edlen Aufgabe stellte: beim Sturz des Zarismus. Wenn sie darüber hinausgegangen ist, wenn sie sich die Diktatur des Proletariats zur Aufgabe gestellt hat, so ist das nach jener Doktrin ein einfacher Fehler des radikalen Flügels der russischen Arbeiterbewegung, der Bolschewiki gewesen, und alle Unbilden, die der Revolution in ihrem weiteren Verlauf zugestoßen sind, alle Wirren, denen sie zum Opfer gefallen, stellen sich eben als ein einfaches Ergebnis dieses verhängnisvollen Fehlers dar. Theoretisch läuft diese Doktrin, die vom Stampfschen "Vor­wärts" wie von Kautsky gleichermaßen als Frucht "marxistischen Denkens" empfohlen wird, auf die originelle "marxistische" Entdeckung hinaus, dass die sozialistische Umwälzung eine na­tionale, sozusagen häusliche Angele­genheit jedes modernen Staates für sich sei. In dem blauen Dunst des abstrakten Schemas weiß ein Kautsky natürlich sehr eingehend die weltwirtschaft­lichen Verknüpfungen des Kapi­talismus auszumalen, die aus allen modernen Ländern einen zusammenhän­genden Organismus machen. Russlands Revolution - eine Frucht der internationalen Entwicklung und Agrar­frage - unmöglich in den Schranken der bürgerlichen Gesellschaft zu lö­sen.

Praktisch hat diese Doktrin die Ten­denz, die Verantwortlichkeit des in­ternationalen, in erster Linie des deutschen Proletariats für die Ge­schicke der russischen Revolution abzuwälzen, die internationalen Zu­sammenhänge dieser Revolution zu leugnen. Nicht Russlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der his­torischen Aufgaben hat der Verlauf des Krieges und der russischen Re­volution erwiesen. Dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren ist die erste Aufgabe einer kriti­schen Betrachtung der russischen Revolution. Die Revolution Russlands war in ihren Schicksalen völlig von den internationalen Ereignissen abhängig." (Rosa Luxemburg, Zur Russi­schen Revolution, Gesammelten Werke, Bd.4, S.332 bis 334).

So formulierte eine der größten marxis­tischen Theoretiker damals das Problem, gegen die Trugschlüsse Kautskys, der Menschewiki und... der Rätekommunisten. Rosa Luxemburg machte nicht nur den My­thos der "Unreife Russlands" zunichte, sondern sie lieferte auch den Schlüssel zu dem, was die Rätekommunisten nie zu verstehen imstande waren: die Ursachen der Degeneration der Russischen Revolu­tion, die im wesentlichen im Scheitern "der Weltrevolution, von der das Schick­sal der Revolution in Russland völlig abhing", lagen.

In der Tat, indem sie die Ursachen der Entwicklung der Revolution und die des kapitalistischen Regimes, in dem sie endete, allein in Russland suchten, wan­dten sich die Rätekommunisten von den objektiven Grundlagen des Internationa­lismus ab.

Und selbst wenn ihr eigener Internatio­nalismus nicht in Frage gestellt werden kann, letztendlich kann er sich nur auf eine Art moralischen Imperativs stützen. Wenn man ihre Untersuchung zu ihrer lo­gischen Schlussfolgerung weiterführt, ge­langt man zu der Idee, dass, hätte die Revolution in einem fortgeschrittenen Land stattgefunden (Deutschland z.B.), und wäre sie isoliert geblieben, hätte sie nicht das gleiche Los erfahren wie die Russische Revolution. Mit anderen Worten, in diesen Ländern hätte sie die Wiedereinrichtung des Kapitalismus vermeiden können, was bedeutet, dass ein Sieg über­ den Kapitalismus, der Sieg des So­zialismus in einem Land möglich ist. So wie der Rätekommunismus von dem Stalinismus die Idee der Kontinuität zwischen Le­nin und Stalin ausleiht, zwischen dem Wesen der Oktober-Revolution und dem Wesen des Regimes, das sich in Russland einrich­tete, können wir sehen, dass die Rätekom­munisten dazu neigten, Elemente einer der wichtigsten Verschleierungen des Stalinismus zu übernehmen, "den natio­nalen Sozialismus". Somit: übernimmt die "marxistische" Analyse der Rätekommunisten nicht nur die Thesen Kautskys und der Menschewiki, sondern sie kann auch gar nicht umhin, mit den stalinistischen Theorien zu flirten.

Aber dies ist nicht der einzige Weg mit dem die rätekommunistische Analyse zu einer Verwerfung des Marxismus führt. Einer der Gründe, warum sie die russische Revolution als eine bürgerliche Revolution betrachten, ist die Natur der ökonomischen Maßnahmen, die von Anfang an von der neuen Macht ergriffen wurden. Die Rätekommunis­ten behaupten zurecht, dass die Verstaat­lichungen und die Landaufteilung rein bür­gerliche Maßnahmen sind. Aber dann über­stürzen sie sich und erklären: "Man kann sehen, dass es sich um eine bürgerliche Revolution handelt, da sie Maßnahmen dieser Art durchführte." Und gegenüber solchen Maßnahmen schlagen sie eine wahr­haft "sozialistische" Politik vor: "Die Übernahme der Betriebe und die Organisa­tion der Wirtschaft durch die Arbeiter­klasse und ihre Klassenorganisationcn, die Arbeiterräte." (Thesen über den Bol­schewismus, Nr.49). Dies ist die Art Maßnahmen, die die russische Revolution ergriffen hätte, wenn sie wirklich "pro­letarisch" gewesen wäre. Aber für die Rätekommunisten "konnte der bürgerliche Charakter der bolschewistischen Revolu­tion... nicht deutlicher aufgezeigt wer­den als in diesem Ruf nach der Produk­tionskontrolle."(idem, Nr.47)

Hier übernehmen die Rätekommunisten die Grundlage ihrer Analyse nicht von Kauts­ky oder von Stalin, sondern von Proudhon und den Anarchisten. Einmal wieder strei­chen sie eine der Grundlagen des Marxis­mus. Für den Marxismus ist eine der grundlegenden Unterschiede zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Revolution die Tatsache, dass die erste am Ende eines ganzen Prozesses von wirt­schaftlichen Umwälzungen zwischen dem Feudalismus und dem Kapitalismus statt­fand. Dieser Prozess fand seine Krönung im politischen Bereich. Die proletari­sche Revolution dagegen ist notwendiger­weise der Ausgangspunkt für die wirt­schaftliche Umwälzung vom Kapitalismus zum Kommunismus. Dieser Unterschied ist mit der Tatsache verbunden, dass im Gegen­satz zu den vorherigen Umwälzungen der Übergang zum Kommunismus kein Wechsel in der Art des Eigentums, sondern die Abschaffung allen Eigentums überhaupt ist; er ist nicht die Institutionalisierung von neuen Ausbeutungsverhältnissen, sondern die Abschaffung aller Ausbeutung. Deswegen ist im Gegensatz zu allen vorherigen Revolutionen das Ziel der proletarischen Revolution nicht die Einrich­tung einer neuen Form von Klassenherrschaft, sondern die Abschaffung aller Klassen; die proletarische Revolution ist nicht das Werk einer ausbeutenden Klasse, sondern zum ersten Mal in der Geschichte das Werk einer ausgebeuteten Klasse. Die kapitalistischen Produktions­verhältnisse entwickelten sich innerhalb der feudalen Gesellschaft, während der Adel noch den Staatsapparat kontrollier­te. Die feudale Macht mag ein Hindernis für die Entwicklung des Kapitalismus ge­wesen sein, aber der Kapitalismus war imstande, sich daran anzupassen; solange das Kapital nicht bis zu dem Punkt entwickelt war, an dem die feudale Ordnung gestürzt werden musste. Die bürgerliche Revolution kam in einer fast „mechanischen" Konsequenz auf die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft, und ihre Aufgabe bestand in der Zerstörung der letzten Hindernisse für die Expansion des Kapitals. Im Gegensatz zu alledem können sich kommunistische Sozialbezie­hungen in keiner Weise auf kleinen In­seln innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entwickeln, wenn die bürgerli­che Klasse immer noch die Kontrolle über den Staat ausübt. Erst nach der Zerstö­rung des bürgerlichen Staates und nach der politischen Machtübernahme durch die Arbeiterklasse auf Weltebene können die Produktionsverhältnisse umgewälzt werden.

Im Gegensatz zu den vorherigen Übergangs­perioden wird die zwischen dem Kapitalis­mus und dem Kommunismus nicht das Ergeb­nis eines objektiven, vom Willen des Men­schen unabhängigen Prozesses sein; er wird von der bewussten Aktion einer Klasse abhängen, die ihre politische Macht zur schrittweisen Auslöschung der verschiede­nen Aspekte der kapitalistischen Gesell­schaft benutzen wird: des Privateigentums, des Marktes, der Lohnarbeit, des Wertge­setzes usw. Aber solch eine Wirtschafts­politik kann erst eine Wirkung erlangen, nachdem das Proletariat die Bourgeoisie militärisch besiegt hat. Solange dies nicht endgültig erreicht ist, werden die Anforderungen des Weltbürgerkrieges über dem Bedürfnis nach einer Umwandlung der Produktionsverhältnisse dort vorherrschen, wo das Proletariat schon die Macht ergriffen hat. Und dies trifft zu, wie auch immer die wirtschaftliche Entwicklung solch eines Gebietes vorangeschritten sein mag. In Russland sind die von der neuen Macht ergriffenen Maßnahmen - unge­achtet der begangenen Fehler, die tat­sächlich begangen wurden, und die uns wertvolle Lehren erteilen können - nicht das Kriterium für das Verständnis des Klassencharakters der Oktoberrevolution, ebenso wenig wie es die ökonomischen Maß­nahmen waren, die der Pariser Commune ihren proletarischen Charakter verliehen haben. Und soweit wir wissen, haben weder die Rätekommunisten noch die Anarcho-Syndikalisten jemals den proletarischen Cha­rakter der Commune bezweifelt. Niemandem fiel es ein, dass die Verkürzung des Ar­beitstages, die Aufhebung der Nachtarbeit für die Bäckergesellen, die Mietstundungen oder das Leihhaus vom Mont-de-Piete als "sozialistische" Maßnahmen verstanden werden sollten. Die Größe der Commune war, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Proletariats die Klasse einen nationa­len Krieg gegen eine ausländische Macht in einen Bürgerkrieg gegen die eigene Bourgeoisie umgewandelt hat: dass die Zerstörung des kapitalistischen Staates verkündet und verwirklicht wurde und durch die Diktatur des Proletariats ersetzt wur­de, d.h. gewählte und abrufbare Delegier­te in allen Bereichen, Löhne für Beamte, die dem durchschnittlichen Arbeiterlohn gleich sind, Ersetzung der ständigen Ar­mee durch die ständige Bewaffnung der Ar­beiter und die internationalistische Proklamation der Weltkommune. Es waren diese wesentlichen politischen Maßnah­men, welche aus der Pariser Commune den ersten internationalen Versuch des Pro­letariats gemacht haben, die Revolution durchzuführen. Und aus diesem Grunde ist die Erfahrung der Commune eine solch unschätzbare Fundgrube für den revolu­tionären Kampf von Generationen von Ar­beitern aller Länder. Der Oktober 1917 nahm die Hauptthemen der Kommune wieder auf und verallgemeinerte sie, und es war si­cherlich kein Zufall, dass Lenin Staat und Revolution am Vorabend der Oktober­revolution schrieb, wo er eine detail­lierte Untersuchung der Kommune vornahm. Daher kann man die Klassennatur der Ok­toberrevolution nicht durch die Analyse eines jeden Details dessen, was die Re­volution im wirtschaftlichen Bereich gemacht oder nicht gemacht hat, begreifen.

Dies kann nur verstanden werden, indem man die politischen Charakteristiken der Revolution untersucht - die Zerstörung des bürgerlichen Staates, die Machtüber­nahme durch die Arbeiterklasse, die in Arbeiterräten organisiert war, die allgemeine Bewaffnung des Proletariats – und die Triebkraft, die die neue Macht der internationalen Bewegung des Proletariats verlieh: die rücksichtlose Brandmarkung des imperialistischen Krieges, der Auf­ruf zur Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie, der Aufruf für die Zerstö­rung aller bürgerlichen Staaten und für die Machtübernahme durch die Arbeiterräte in allen Ländern.

Dass er das Primat der politischen Probleme in der ersten Phase der proletarischen Revolution nie begriffen hat, hat den Anarcho-Syndikalismus dazu geführt, die proletarische Revolution zu verraten, indem er diese in die Sackgasse der Selbstverwaltung und der "Kollektive" geführt hatte, während dessen er selbst Minister in der bürgerlichen Regierung der Spanischen Republik stellte. Sein ganzer Standpunkt - und ebenso der der Ratekommunisten, soweit sie mit dem Anarchosyndikalismus übereinstimmen - wendet sich von jeder sozialistischen Revolution ab, weil er diese nicht nur innerhalb eines Landes lokalisiert, sondern gar innerhalb einer Region, oder auf isolierte Fabriken begrenzt, und die sozialistische Produktion, die per Definition nur auf internationaler Ebene existieren kann, auf eine einheimische Angelegenheit reduziert.

Trotz vieler wertvoller Kritiken, die von der Arbeiteropposition 1921 formuliert wurden, insbesondere ihre Brandmarkung der Bürokratisierung des Staates und der erdrückenden Ordnung innerhalb der Partei, war die Plattform der Gruppe grundlegend irrig, insofern, als diese das Problem der Entwicklung der Revolution auf eine Frage der Ökonomie, auf ein di­rektes Management der Produktion durch die Arbeiter reduzierte. Somit schenkten sie vorbehaltlos der Idee Glauben, dass es möglich sei, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen, dass der Sozialismus in Russland auf sich allein gestellt Fort­schritte hätte machen können, auch wenn die internationale Revolution eine Reihe von Niederlagen erlitten hätte.[1]

Welche Fehler Lenin auch immer gemacht haben mag, er griff zurecht die kleinbür­gerlichen und die anarcho-syndikalistischen Aspekte der Arbeiteropposition an. Es ist kein Zufall, dass später die theoreti­sche Führerin der Arbeiteropposition, Kollontai, sich auf Stalins Seite gegen die Linke Opposition schlug, um die Theo­rie des Sozialismus in einem Land zu ver­teidigen. So schließen sich die Anhänger des "So­zialismus in einer Fabrik" den Anhängern des "Sozialismus in einem Land" und den Theoretikern der "unreifen objektiven Bedingungen" in Russland an. Und Kautsky, Stalin und die "Genossen Minister" der CNT sind keine gute Gesellschaft für die Rätekommunisten, wie scharf auch immer sie dies kritisieren.

Tatsächlich ist der einzige Weg für den Rätekommunismus, seine Analyse der Okto­berrevolution mit dem Internationalismus zu vereinbaren - und bestimmte Strömungen haben dies schon getan - darin zu behaup­ten, dass die objektiven Bedingungen für die proletarische Revolution 1917 nicht nur in Russland, sondern auch auf Weltebene unreif waren. Aber das hieße, die Ana­lyse der Menschewiki oder Kautskys zu übernehmen..., nur um drei Punkte jener der rechten Sozialdemokraten aufzunehmen, die ihn benutzten, um die proletarische Revolution in Deutschland niederzumetzeln. Es kommt nicht darauf an zu behaupten, dass alle, die zu solchen Schlussfolgerun­gen kommen, zu Noskes werden. Es ist durchaus möglich, sich an einem proleta­rischen Kampf zu beteiligen, selbst wenn man ihn als verfrüht und verzweifelt an­sieht - so wie es Marx bei der Pariser Commune tat. Aber diese Art von Analysen durch proletarische Elemente führt zu Schlussfolgerungen, die bis ins kleinste ebenso katastrophal sind wie jene der "klassischen" Rätekommunisten.

Wir wollen diese Analyse hier nicht wi­derlegen, da es uns über den Rahmen die­ses Artikels hinausführen würde.2 Wir werden uns auf einige Bemerkungen dazu beschränken.

An erster Stelle führt solch eine Auffas­sung zu der Zurückweisung der Idee, dass sich der Kapitalismus seit dem I. Welt­krieg in seiner dekadenten Phase befindet, und diese Idee war die Schlüsselfrage bei dem Bruch der Revolutionäre mit der 2.Internationale. Die "rätekommunisti­sche" Auffassung unterminiert die ganzen theoretischen Grundlagen der Kommunistischen Internationale, aus der an er­ster Stelle die Rätekommunisten selbst hervorgegangen sind. Sie führt somit zu einer Verwerfung aller Errungenschaften der Arbeiterbewegung während des I. Welt­krieges und der revolutionären Welle von 1917-23. Andernfalls ist es notwendig, die kommunistischen Positionen auf voll­kommen andere Grundlagen zu stellen, ins­besondere die Positionen, welche die kommunistische Linke gegen die Kommunis­tische Internationale vertrat:

  • Verwerfung des Parlamentarismus, selbst seiner "revolutionären" Benutzung,
  • Verwerfung der Gewerkschaften,
  • Verwerfung der Idee der Massenpartei,
  • Verweigerung der Unterstützung von na­tionalen Befreiungskämpfen oder "fortschrittlichen“ Fraktionen der Bourgeoisie.

Wenn man die Idee der Dekadenz des Kapitalismus verwirft, kommt man notwendiger­weise zu der Schlussfolgerung, dass die ganze Politik der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert und die meisten Analysen von Marx und Engels falsch waren. Von solch einem Standpunkt aus betrachtet, begingen der Bund der Kommunisten, die Erste und Zweite Internationale große Fehler, als sie den Aufbau von Gewerkschaften, den Kampf für das allgemeine Wahlrecht und bestimmte nationale Befreiungskämpfe unterstützten. Und schließlich muss man ebenfalls zugeben, dass von der allgemeinen theoretischen Basis abgesehen, Proudhon und Bakunin gegenüber Marx und En­gels recht hatten. Und da es von einem marxistischen Standpunkt aus schwierig ist, eine theoretische Betrachtungsweise von ihren politischen Folgen zu trennen, wäre es dann logisch, den letzten Schritt zu tun und den Marxismus zugunsten des Anarchismus zu verwerfen. Wenn die Rätekommunisten, die die Oktoberrevolution als bürgerlich bezeichnen, da die objek­tiven Bedingungen auf Weltebene 1917 nicht reif waren, nur den Mut hätten, diesen letzten Schritt zu tun und sich offen als Anarchisten zu erklären! Dann hätten sie nur noch ein letztes Problem zu lösen: wie ist ihre Analyse mit einem theoretischen Standpunkt zu vereinbaren, der die Notwendigkeit einer objektiven Basis für den Sozialismus verwirft und für den "die Revolution zu jedem Zeit­punkt möglich ist"?

Die Verwerfung der Idee, dass der Kapi­talismus 1914 in seine dekadente Phase eingetreten ist, hat noch andere Folgen, die kurz zusammengefasst werden können:

  • entweder muss die Periode der kapita­listischen Dekadenz noch kommen, ob­gleich bei einer Betrachtung der Katas­trophen, die die Gesellschaft in den letzten 60 Jahren befallen haben, man sich kaum vorstellen kann, wie die wirkliche Dekadenz des Kapitalismus aussehen würde und wie die Gesellschaft dies über­leben könnte;
  • oder der Kapitalismus wird im Gegen­satz zu den vorherigen Gesellschaften nie eine Phase der Dekadenz durchlaufen. Dann muss man die Schlussfolgerungen da­raus ziehen: entweder gibt man jede Perspektive des Sozialismus für immer und ewig auf oder man stellt seine Perspek­tive für den Sozialismus auf etwas anderes als auf die objektiven Notwendigkeiten der Gesellschaft auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung. Das bedeu­tet, den Marxismus aufzugeben, aus dem Sozialismus einem "moralischen Impera­tiv" zu machen - und somit schließt man sich dem Anarchismus an. Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Arbei­terklasse mit drei Hauptgegnern konfron­tiert: dem Anarchismus im vorigen Jahrhun­dert, der reformistischen Sozialdemokra­tie zu Beginn dieses Jahrhunderts und dem Stalinismus zwischen den zwei Weltkriegen. Diese Strömungen haben sich gegen die Arbeiterklasse zu einem alles überbietenden Moment der Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse zusammengerottet: dem Krieg in Spanien 1936. Man muss anerkennen, dass dem Rätekommunismus, auch wenn er ei­ne der "gesundesten" Reaktionen gegen die Degeneration der Kommunistischen In­ternationale war, und es ihm gelungen war, in den schlimmsten Augenblicken der Konterrevolution Klassenpositionen aufrecht­zuerhalten, die seltene Heldentat gelun­gen war, viele der grundlegenden Analysen dieser drei Strömungen zu übernehmen, selbst wenn sein Standpunkt nicht zur Auf­gabe jeder revolutionären Perspektive ge­führt hat, wie dies für einige seiner besten Elemente der Fall war.

Dies sind einige der Folgen einer Verwer­fung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution von 1917.F.M.

[1] "Degeneration der Russischen Revolution", Internationale Revue Nr.1; "Die Kommunistische Linke in Russland", Intern. Review Nr.9/10

[2] Siehe die Broschüre der IKS Die Dekadenz des Kapitalismus und andere Texte der IKS.