MARXISMUS UND FATALISMUS

Submitted by icc on Sat, 2005-07-09 20:37.

Bei näherer Betrachtung der rätekommunis­tischen Thesen kann man feststellen, dass es sich um eine neue Formulierung einer Idee handelt, die selbst in dem bürgerlichen Lager in den 30er Jahren großen Erfolg hatte: d.h. dass das Regime in Russland die notwendige Folge der Oktoberrevolution sei.

Die Stalinisten waren of­fensichtlich die größten Verteidiger die­ser Idee. Aus ihrer Sicht war Stalin der­jenige, der Lenins Arbeiten "genial fort­setzte" , der Mann, der die größte Ent­deckung unseres Zeitraums, die Theorie der Möglichkeit des Sieges des "Sozialis­mus in einem Land"[1] gemacht und angewandt hatte. Aber abgesehen von den Stalinisten gab es fast eine ein­mütige Übereinstimmung, dass Stalin tat­sächlich Lenins Nachfolger war, ja, dass der schreckenerregende Staatsapparat, der in Russland entstanden war, das recht­mäßige Erbe der Oktoberrevolution war. Die Anarchisten verkündeten lautstark, dass das barbarische Polizeiregime in Russland die "unvermeidliche" Folge der auto­ritären Auffassungen des Marxismus war (andererseits zogen sie nicht in Betracht, dass der Eintritt der Anarchisten in eine antifaschistische bürgerliche Regierung die "unvermeidliche" Folge ihrer antiautoritären Auffassung war). Demokraten aller Art verkündeten, dass die "Diktatur des Proletariats" und die Zurückweisung der parlamentarischen Institutionen die Wurzel allen Übels war, das das "russische Volk" befallen hatte. Im allgemeinen warn­ten sie das Proletariat auf diese Weise: „das ist das Ergebnis jeglicher Revolution, jeglichen Versuches, den Kapitalismus zu zerstören: ein Regime, das noch schlimmer ist !".

Zweifelsohne verfolgte die rätekommunis­tische Auffassung nicht das Ziel, die Arbeiterklasse bei ihrem Versuch zu ent­mutigen, die Revolution durchzuführen oder von ihrer theoretischen Waffe, dem Marxismus abzubringen. Im Gegenteil: die Rätekommunisten unternahmen die Über­prüfung ihrer früheren Positionen im Na­men des Marxismus und der kommunistischen Revolution.

Indem sie die Frage jedoch auf die Grund­frage stellten, dass," wenn die russische Revolution im Staats-Kapitalismus endete, dann deshalb, weil sie nichts anderes hätte hervorbringen können", übernahmen sie eine der grundlegenden Ideen der Bourgeoisie: "Was in Russland geschah, musste notwendigerweise geschehen." Ent­weder war diese Bestätigung eine Tauto­logie - die augenblickliche Lage ist das Ergebnis verschiedener Faktoren, die es bestimmt haben - oder es handelte sich um einen theoretischen Fehler, der den Marxismus auf einen vulgären Fata­lismus reduziert.

Für den Fatalismus steht alles, was pas­siert, schon im großen Schicksalsbuch festgeschrieben. Und wenn der Fatalis­mus die Form eines "gesunden Menschen­verstandes" annimmt, geschmückt mit dem philosophischen Wortschwall, der aus den Universitätsakademikern hervorsprudelt, dient er immer dazu, die (mehr oder weniger erzwungene) Akzeptierung der herrschenden Ordnung zu predigen. Der Marxismus dagegen hat immer solch eine Unterwerfung unter die "Realität" bekämpft. Selbstverständlich hat der Marxismus entgegen voluntaristischen und idealistischen Auffassungen bestä­tigt, dass die Menschen ihre Geschichte "nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittel­bar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ machen. Aber Marx wies eindeutig darauf hin, dass "die Menschen ihre eigene Geschichte machen"

(Der 18. Brumaire des Louis Napoleon. Karl Marx, MEW 8, S. 115). Was die Möglichkeit einer Revolution angeht, schrieb Marx:

"Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte ent­wickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhält­nisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen der­selben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind." (Marx, Vorwort zur "Kritik der Politischen Ökonomie").

Deshalb hat der Marxismus immer Stellung gegen den Anarchismus bezogen, für den "alles zu jeder Zeit möglich ist, voraus­gesetzt die Menschen wollen es". In sei­ner Analyse der Niederschlagung der Pa­riser Commune war beispielsweise Marx dazu in der Lage, auf die Unreife der materiellen Bedingungen, die der Kapita­lismus l871 entwickelt hatte, hinzuwei­sen. Jedoch wäre es falsch zu denken, dass alle sozialen Ereignisse direkt durch diese "materiellen Bedingungen" erklärt werden konnten. Insbesondere ist das Be­wusstsein, das die Menschen, oder genauer, die sozialen Klassen, von diesen materiel­len Bedingungen haben, keine einfache "Widerspiegelung" derselben ist, sondern es wird zu einem aktiven Faktor in der 'Umwandlung der materiellen Bedingungen:

"Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturge­setz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist... kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch weg dekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Marx, Vorwort zum "Kapital").

Historische Ereignisse sind nicht nur das Produkt der ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft, sondern auch der Gesamtheit der "Faktoren des Überbaus", eines komplexen Zusammenwirkens dieser verschiedenen bestimmenden Elemente, wovon der Zufall, d.h. willkürliche und unvorhersehbare Ereignisse, einer ist. Deshalb kann man die Geschichte nicht als die Verwirklichung des "Schicksals" betrachten, das ein für allemal festgesetzt ist, als den Verlauf eines Drehbuchs, das im voraus geschrieben ist - für die einen vom "göttlichen Willen", für die anderen in der Struktur und in der Bewegung der Atome.

So wie nirgendwo geschrieben steht, dass die Werke Marxens dazu "vorgesehen" waren, eine der barbarischsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung zu rechtfertigen, so gab es kein "Schicksal" für die russische Revolution, deren Existenz an dem, was aus der Revolution schließlich wurde, gemessen werden kann.

Natürlich weisen die Rätekommunisten zu­rück, dass sie Fatalisten seien. Aus ihrer Sicht ist ihre Position "marxistisch", da ihre Analyse auf der Entwicklung der Produktivkräfte basiert. Aber die Tatsa­che, dass sie nur das Problem betrachten und dann nur unter dem Gesichtspunkt Russlands (wo sogar für die Bourgeoisie die Oktoberrevolution ein Ereignis von weltweiter Bedeutung war), verrät eine besch­ränkte, eindimensionale Auffassung vom Marxismus, fast eine Karikatur derselben. Und mit dieser Karikatur geben sie vor, erklären zu können, warum der Staatskapita­lismus in Russland entstand: wenn die Oktoberrevolution zum Kapitalismus führte, dann deshalb weil sie selbst bürgerlich war. Mit anderen Worten: sie war "vorherbestimmt“ zu dem Ergebnis zu gelangen, wo sie gelandet ist... Und so sehen wir den guten, alten Fatalismus durch das Fenster wieder hereinkommen, nachdem er offiziell aus der Tür herausgejagt worden ist.

Tatsächlich leidet die rätekommunistische Betrachtungsweise nicht nur an einer guten "Dosis" Fatalismus. Wenn sie bis zu ihrer äußersten Konsequenz verfolgt wird, führt sie zu einer völligen Aufgabe des Marxis­mus und jeglicher revolutionärer Perspektiven.

[1] Vorwort zu Ausgewählte Werke Lenins vom Institut für Marxismus-Leninimus (ZK der KPDSU)