Bei näherer Betrachtung der rätekommunistischen Thesen kann man feststellen, dass es sich um eine neue Formulierung einer Idee handelt, die selbst in dem bürgerlichen Lager in den 30er Jahren großen Erfolg hatte: d.h. dass das Regime in Russland die notwendige Folge der Oktoberrevolution sei.
Die Stalinisten waren offensichtlich die größten Verteidiger dieser Idee. Aus ihrer Sicht war Stalin derjenige, der Lenins Arbeiten "genial fortsetzte" , der Mann, der die größte Entdeckung unseres Zeitraums, die Theorie der Möglichkeit des Sieges des "Sozialismus in einem Land"[1] gemacht und angewandt hatte. Aber abgesehen von den Stalinisten gab es fast eine einmütige Übereinstimmung, dass Stalin tatsächlich Lenins Nachfolger war, ja, dass der schreckenerregende Staatsapparat, der in Russland entstanden war, das rechtmäßige Erbe der Oktoberrevolution war. Die Anarchisten verkündeten lautstark, dass das barbarische Polizeiregime in Russland die "unvermeidliche" Folge der autoritären Auffassungen des Marxismus war (andererseits zogen sie nicht in Betracht, dass der Eintritt der Anarchisten in eine antifaschistische bürgerliche Regierung die "unvermeidliche" Folge ihrer antiautoritären Auffassung war). Demokraten aller Art verkündeten, dass die "Diktatur des Proletariats" und die Zurückweisung der parlamentarischen Institutionen die Wurzel allen Übels war, das das "russische Volk" befallen hatte. Im allgemeinen warnten sie das Proletariat auf diese Weise: „das ist das Ergebnis jeglicher Revolution, jeglichen Versuches, den Kapitalismus zu zerstören: ein Regime, das noch schlimmer ist !".
Zweifelsohne verfolgte die rätekommunistische Auffassung nicht das Ziel, die Arbeiterklasse bei ihrem Versuch zu entmutigen, die Revolution durchzuführen oder von ihrer theoretischen Waffe, dem Marxismus abzubringen. Im Gegenteil: die Rätekommunisten unternahmen die Überprüfung ihrer früheren Positionen im Namen des Marxismus und der kommunistischen Revolution.
Indem sie die Frage jedoch auf die Grundfrage stellten, dass," wenn die russische Revolution im Staats-Kapitalismus endete, dann deshalb, weil sie nichts anderes hätte hervorbringen können", übernahmen sie eine der grundlegenden Ideen der Bourgeoisie: "Was in Russland geschah, musste notwendigerweise geschehen." Entweder war diese Bestätigung eine Tautologie - die augenblickliche Lage ist das Ergebnis verschiedener Faktoren, die es bestimmt haben - oder es handelte sich um einen theoretischen Fehler, der den Marxismus auf einen vulgären Fatalismus reduziert.
Für den Fatalismus steht alles, was passiert, schon im großen Schicksalsbuch festgeschrieben. Und wenn der Fatalismus die Form eines "gesunden Menschenverstandes" annimmt, geschmückt mit dem philosophischen Wortschwall, der aus den Universitätsakademikern hervorsprudelt, dient er immer dazu, die (mehr oder weniger erzwungene) Akzeptierung der herrschenden Ordnung zu predigen. Der Marxismus dagegen hat immer solch eine Unterwerfung unter die "Realität" bekämpft. Selbstverständlich hat der Marxismus entgegen voluntaristischen und idealistischen Auffassungen bestätigt, dass die Menschen ihre Geschichte "nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ machen. Aber Marx wies eindeutig darauf hin, dass "die Menschen ihre eigene Geschichte machen"
(Der 18. Brumaire des Louis Napoleon. Karl Marx, MEW 8, S. 115). Was die Möglichkeit einer Revolution angeht, schrieb Marx:
"Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind." (Marx, Vorwort zur "Kritik der Politischen Ökonomie").
Deshalb hat der Marxismus immer Stellung gegen den Anarchismus bezogen, für den "alles zu jeder Zeit möglich ist, vorausgesetzt die Menschen wollen es". In seiner Analyse der Niederschlagung der Pariser Commune war beispielsweise Marx dazu in der Lage, auf die Unreife der materiellen Bedingungen, die der Kapitalismus l871 entwickelt hatte, hinzuweisen. Jedoch wäre es falsch zu denken, dass alle sozialen Ereignisse direkt durch diese "materiellen Bedingungen" erklärt werden konnten. Insbesondere ist das Bewusstsein, das die Menschen, oder genauer, die sozialen Klassen, von diesen materiellen Bedingungen haben, keine einfache "Widerspiegelung" derselben ist, sondern es wird zu einem aktiven Faktor in der 'Umwandlung der materiellen Bedingungen:
"Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist... kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch weg dekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Marx, Vorwort zum "Kapital").
Historische Ereignisse sind nicht nur das Produkt der ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft, sondern auch der Gesamtheit der "Faktoren des Überbaus", eines komplexen Zusammenwirkens dieser verschiedenen bestimmenden Elemente, wovon der Zufall, d.h. willkürliche und unvorhersehbare Ereignisse, einer ist. Deshalb kann man die Geschichte nicht als die Verwirklichung des "Schicksals" betrachten, das ein für allemal festgesetzt ist, als den Verlauf eines Drehbuchs, das im voraus geschrieben ist - für die einen vom "göttlichen Willen", für die anderen in der Struktur und in der Bewegung der Atome.
So wie nirgendwo geschrieben steht, dass die Werke Marxens dazu "vorgesehen" waren, eine der barbarischsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung zu rechtfertigen, so gab es kein "Schicksal" für die russische Revolution, deren Existenz an dem, was aus der Revolution schließlich wurde, gemessen werden kann.
Natürlich weisen die Rätekommunisten zurück, dass sie Fatalisten seien. Aus ihrer Sicht ist ihre Position "marxistisch", da ihre Analyse auf der Entwicklung der Produktivkräfte basiert. Aber die Tatsache, dass sie nur das Problem betrachten und dann nur unter dem Gesichtspunkt Russlands (wo sogar für die Bourgeoisie die Oktoberrevolution ein Ereignis von weltweiter Bedeutung war), verrät eine beschränkte, eindimensionale Auffassung vom Marxismus, fast eine Karikatur derselben. Und mit dieser Karikatur geben sie vor, erklären zu können, warum der Staatskapitalismus in Russland entstand: wenn die Oktoberrevolution zum Kapitalismus führte, dann deshalb weil sie selbst bürgerlich war. Mit anderen Worten: sie war "vorherbestimmt“ zu dem Ergebnis zu gelangen, wo sie gelandet ist... Und so sehen wir den guten, alten Fatalismus durch das Fenster wieder hereinkommen, nachdem er offiziell aus der Tür herausgejagt worden ist.
Tatsächlich leidet die rätekommunistische Betrachtungsweise nicht nur an einer guten "Dosis" Fatalismus. Wenn sie bis zu ihrer äußersten Konsequenz verfolgt wird, führt sie zu einer völligen Aufgabe des Marxismus und jeglicher revolutionärer Perspektiven.
[1] Vorwort zu Ausgewählte Werke Lenins vom Institut für Marxismus-Leninimus (ZK der KPDSU)
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