Entwurf einer Gründungsadresse für ein proletarisches Diskussionsforum in Russland

Eingetragen von idf. | Do, 2005-06-16 22:15

Etliche Jahre lang haben verschiedene Elemente in Russland, ob isoliert oder organisierten Gruppen angehörend, nach einer revolutionären politischen Kohärenz gesucht. Diese Situation ist in mancherlei Hinsicht mit dem vergleichbar, was in Westeuropa während der Periode passierte, die den sozialen Kämpfen Mai 1968 in Frankreich gefolgt war. Es bezeugt die Fähigkeit des Proletariats, in sich selbst revolutionäre Minderheiten zu schaffen, auch in einer Weltregion, wo es, in Form des Stalinismus, am schlimmsten von der weltweiten Konterrevolution betroffen war. Diese historische Fähigkeit des Weltproletariats, die Wiedererlangung seines revolutionären Bewusstseins durch die Wiederaneignung seiner Geschichte durch seine Minderheiten anzustreben, kann man heute auch in Deutschland antreffen, dem anderen Land, wo das Proletariat schlimm unter den Auswirkungen der Konterrevolution gelitten hat. Nach der Niederschlagung des Aufstandes in Berlin durch die Sozialdemokratie 1919 (was der weltweiten revolutionären Welle einen fatalen Schlag versetzt hatte) wurde das Proletariat in Deutschland vom Faschismus physisch gebrochen und nach dem II.Weltkrieg zum Ziel intensiver Kampagnen bürgerlich-demokratischer Propaganda. Seit 1968 hinkte die Entwicklung revolutionärer Ideen in Deutschland verhältnismäßig weit hinterher, und dennoch erblicken wir heute auch dort das Wiederauftreten von Diskussionsgruppen, in denen eine Kristallisation des Nachdenkens auf dieser Ebene stattfindet.

Entsprechend der geographischen Zersplitterung der Gruppen und Elemente, die in diesem Prozess der politischen Vertiefung in Russland selbst und darüber hinaus in den ehemaligen „sowjetischen“ Republiken wie zum Beispiel in der Ukraine einbezogen sind, gibt es die Gefahr, dass dieser Denkprozess verwässert wird und der Sterilisierung und Entmutigung jener Elemente anheimfällt, die an ihm beteiligt sind. Es liegt daher in der Verantwortung jener Elemente, die diesen Denkprozess am weitesten getrieben haben, einen Diskussionsrahmen zu errichten, um einen Bezugspunkt für all diejenigen zu errichten, die – in unterschiedlichem Ausmaß – in dieser Dynamik verwickelt sind. Im Bewusstsein dieser Notwendigkeiten übernehmen die folgenden Organisationen die Initiative, durch die Bildung eines Diskussionsforums solch einen Rahmen zu erstellen: die Revolutionär-Anarchosyndikalistische Gruppe in Moskau, die Gruppe der Revolutionären Proletarischen Kollektivisten und die Internationale Kommunistische Strömung.

Was ist der Zweck des Diskussionsforums?

Sein Zweck ist es, im Sinne einer Klärung systematisch jene Fragen zu diskutieren, die sich für die Arbeiter als essenziell erwiesen haben und die es auch in den künftigen Konfrontationen zwischen den Klassen sein werden: der Internationalismus, die Gründe für die Niederlage der weltweiten revolutionären Welle, die Degeneration der Russischen Revolution, der Staatskapitalismus, die nationale Befreiung, die Rolle der Gewerkschaften, etc. Sein Zweck ist es, Beiträge zu diesen Fragen, die die unterschiedlichen Herangehensweisen deutlich machen, welche bereits innerhalb der Arbeiterbewegung zum Ausdruck gekommen waren, und auch die unterschiedlichen Ansichten, Meinungsverschiedenheiten und Fragestellungen zu sammeln und bekannt zu machen, die möglicherweise unter den Teilnehmern des Forums bestehen. Das Forum ist daher ein offener Raum für die Diskussion und Konfrontation politischer Ideen, mit dem einzigen Ziel der Klärung durch politische Argumente, auf den Spuren der proletarischen Methode, welche jede Herangehensweise ausschließt, die im Widerspruch zum uneigennützigen Ziel der Emanzipation der Arbeiterklasse steht. Insbesondere sind es nicht die „Jagdgründe“ für prinzipienlose Rekrutierungen, wie dies üblicherweise von Organisationen praktiziert wird, die sich auf der extremen Linken des politischen Apparates der Bourgeoisie befinden (Trotzkisten, etc.).

Welche politischen Strömungen oder Positionen können sich auf dem Forum ausdrücken?

Alle Debatten innerhalb des Forums sollten öffentlich sein und müssen daher via Internet oder durch eine Zeitschrift veröffentlicht werden. Jeder Beitrag zu den Debatten ist willkommen. Dennoch, um den proletarischen Charakter des Forums zu bewahren, ist es notwendig, dass jeder Teilnehmer folgende offen bürgerliche Positionen ablehnt:

  • Beteiligung an jeglicher Regierung, aus welchen Gründen auch immer;
  • Unterwerfung der proletarischen Interessen unter jenen der „Nation“, die Überhöhung von Nationalismus und Patriotismus;
  • Kampf um Reformen innerhalb des kapitalistischen Systems anstelle des Kampfes mit dem Ziel seines Sturzes auf weltweiter Grundlage;
  • Forderung nach einer Verteidigung der UdSSR in der imperialistischen Weltarena vor ihrem Zusammenbruch;
  • die Verteidigung des sozialistischen oder des „degenerierten Arbeiter“charakters der stalinistischen Regimes, wie sie in Russland nach der Niederlage der Revolution oder danach in Ländern wie China bzw. jenen Osteuropas installiert worden waren;
  • Unterstützung, selbst kritische Unterstützung, für irgendeine Partei, deren Aktivitäten auf irgendeine der oben genannten Positionen fußt.

Aus diesen Kriterien folgt, dass jedes Element oder jede Organisation, die sich mit dem Erbe des Stalinismus, der Sozialdemokratie oder des offiziellen Anarchismus (mit anderen Worten: jene Strömung, die sich zwischen 1936 und 1937 an der bürgerlichen Regierung in Spanien beteiligt hatte oder dies rechtfertigte) identifizieren, nichts zum Leben des Forums beitragen können.

Wir unterscheiden dabei aber zwischen der Mitgliedschaft in einer dieser bürgerlichen Strömungen, die in der Tat jede Beteiligung am Forum verhindert, und der Situation, wo Individuen, die sich in einem Prozess der Abspaltung von ihnen befinden, obwohl sie noch immer einige ihrer Positionen oder deren Logik teilen, am Forum teilnehmen wollen. Letztere sind mit ihren Fragen willkommen.

Welche Texte sollten vom Forum veröffentlicht werden?

Die Voraussetzung für eine offene und unbeschränkte Debatte innerhalb des proletarischen Lagers ist die Freiheit der Meinung und der Kritik. Jeder Beitrag, der mit den Kriterien des vorherigen Kapitels übereinstimmt, ob er das Werk einer Gruppe oder eines Individuums ist, sollte daher veröffentlicht werden. Dabei sollte dies folgende Bedingungen erfüllen:

  • er sollte für das zur Diskussion gestellte Thema relevant sein;
  • er sollte keinen anderen, bereits veröffentlichten Beitrag wiederkäuen (was durchaus passieren kann, wenn eine große Anzahl von Individuen nicht einer am Forum teilnehmenden Gruppe angehört);
  • er sollte, so scharf die Polemik auch sein mag, die elementaren Regeln des gegenseitigen Respekts unter den Genossen befolgen, die an derselben Auseinandersetzung teilnehmen und dasselbe Ideal teilen: jenes der Emanzipation des Proletariats und damit der gesamten Menschheit.

Es liegt in der Verantwortung der Organisatoren des Forums, über den Inhalt jeder Veröffentlichung, gemäß des diskutierten Themas, zu entscheiden. Es liegt auch in ihrer Verantwortung, darüber zu entscheiden, welche Themen für die Diskussion unterbreitet werden.

Was sind die Perspektiven des Forums?

Die Perspektiven für das Forum in der Zukunft unterscheiden sich nicht von den heutigen: offene Debatte mit Blick auf eine politische Klärung.

Das Forum wird seinen Zweck erfüllen, solange es einen Ort der offenen politischen Diskussion darstellt, und wir hoffen, dass sein Einfluss und die Reichhaltigkeit seiner Debatte nur gesteigert werden kann. Dennoch können bestimmte Umstände zu einem Absterben jeglichen Lebens in ihm führen. In diesem Fall wäre es für das Proletariat von keinem weiteren Nutzen, und seine Auflösung wäre das beste Mittel, um zu verhindern, dass es in die Hände der Bourgeoisie fällt.

Das Forum ist nicht das Embryo einer künftigen politischen Organisation des Proletariats. Die Klärung verschiedener Standpunkte mag dazu führen, dass einige seiner Teilnehmer sich zu den Positionen einer der historischen Strömungen des Proletariats bewegen und sich Organisationen anschließen, die diese Positionen repräsentieren. Solch ein Prozess ist kein Anlass, die Aktivität des Forums in Frage zu stellen: Solch ein Prozess sollte jedoch nicht beabsichtigen, das Forum in wachsendem Maße in eine politische Organisation mit der Erarbeitung einer politischen Plattform umzuwandeln, was in der Tat dem Daseinsgrund des Forums Grenzen setzen würde, der in der Offenheit seiner Debatten besteht.

Es ist nicht unmöglich, dass das Forum als solches (oder einige seiner Mitglieder), konfrontiert mit Ereignissen großer Tragweite (zum Beispiel dem Ausbruch eines Krieges), dazu veranlasst werden könnte, öffentlich Stellung zu beziehen. Dies würde nur die wachsende und gemeinsame Sorge seiner Teilnehmer für die Verteidigung der historischen Interessen des Proletariats zum Ausdruck bringen: Unter bestimmten Umständen könnte die Annahme einer gemeinsamen Position die Internationalisten in die Lage versetzen, einen positiven Beitrag zu leisten. Dennoch sollte man sich darüber bewusst sein, dass solche Umstände nicht die Regel sind, andernfalls würde dies das Forum zu einer politischen Organisation werden lassen. Jene Mitglieder des Forums, die sich völlig zu Recht veranlasst fühlen, häufiger gegenüber dem Proletariat zu intervenieren, können dies sehr gut als Sympathisanten oder Mitglieder einer existierenden politischen Organisation des Proletariats tun.