UEBER DIE RUSSSISCHE REVOLUTION 1917–1921

Eingetragen von kras. | Sa, 2005-07-09 21:08

Die Russische Revolution 1917-1921 bleibt fuer die meisten «Linke» eine «unbekannte Revolution», wie sie vor 60 Jahren vom russischen Exil-Anarchisten Voline bezeichnet wurde. Der Hauptgrund dieser Situation ist nicht im Mangel der Kenntnisse, sondern in der Mehrzahl der Mythen zu suchen, die um dieser Revolution gebildet wurden. Die meisten dieser Mythen resultieren aus dem Verwechseln der Russischen Revolution mit den Aktivitaeten der bolschewistischen Partei. Man kann sich nicht von ihnen befreien ohne die wirkliche Rolle der Bolschewiken in den damaligen Ereignissen zu vestehen. Kropotkin klagte seinerzeit darueber, dass die politische Geschichte der Grossen Franzoesischen Revolution, ihrer Machtkaempfe, Parteien und Kriege schon geschrieben wurde; was aber fehlte, war eine «Volksgeschichte der Revolution». «Die Rolle des einfachen Volkes aus den Doerfern und den Staedten in dieser Bewegung wurde noch nie voellig studiert und erzaehlt», schrieb er. Wir moechten diese Schaetzung als ein Ausdruck der Methodologie der Revolutionsforschung wahrnehmen und sie fuer die Analyse der Russischen Revolution gebrauchen. Wir sollen diese Revolution als die Sache der arbeitenden Massen selbst verstehen, die fuer das Recht kaempften, sich selbst zu regieren, und zwar oft unabhaengig von oder sogar gegen alle Parteien, die miteinander um die Macht kaempften.

Ein weitverbreitetes Mythus lautet, dass die Bolschewiken eben nicht eine Partei wie alle andere waren, sondern die Avantgardepartei der Arbeiterklasse. So bezeichneten sie sich selbst auch. Solche Dinge muss man aber nicht unmotiviert deklarieren, sondern beweisen. Die soziale Zusammensetzung sagt dabei ziemlich wenig, man muss eher beruecksichtigen, welche Schichte in den oberen und welche in den unteren Stufen der zentralistischen Parteihierarchie standen und welche «Politik» diese Organisation betreibt. Alle Illusionen ueber den «proletarischen» Charakter der Bolschewiken wurden durch die systematische Unterdrueckung der Arbeiterstreiks seit 1918 vertrieben sowie durch die Kanonen der Roten Armee in Kronstadt 1921 erschossen. Das war kein «tragisches Missverstaendnis», keine Repression seitens der Avant-garde gegen seinen eigenen «unwissenden» Klassenbasis. Die bolschewistischen Fuehrer hatten genaue konkrete Interessen und realisierten eine konkrete Politik.

Die Bolschewiken wiederholten mehrmals eine andere Selbstcharakteristik, die uebrigens viel treffender war: «Die Jakobiner der Russischen Revolution». Sie verstanden sich selbst als so zusagen «sozialistische Jakobiner», obwohl ihr «Sozialismus» ziemlich fragwuerdig war. Sogar wenn sie ueber die unmittelbaren sozialistischen Aufgaben redeten (und das machten sie nur seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges; bis dahin ging es nur ueber die buergerlich-demokratische Revolution in Russland), stellten sie sich diese neue Ordnung ganz sozialdemokratisch, d.h. buergerlich vor: als eine einzige industrialistische Riesenfabrik mit der Teilung der Kompetenzen, mit den betrieblichen und somit auch politischen Hierarchien. Die Substitution der Jakobinerrolle durch die Bolschewiken war aber viel realer. Diese Tradition fuehrte von den Jakobiner durch Babeuf und Blanqui zu Lenin und Konsorten. Wie auch Babouvisten und Blanquisten, «so waren auch die Bolschewisten fest davon ueberzeugt, dass man durch eine diktatorische Regierungsgewalt und eine straffe zentralistische Zusammenfassung aller gesellschaftlichen Kraefte, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen, den Kommunismus von oben her dekretieren koennte», – stellte der deutsche Anarchosyndikalist Rudolf Rocker fest. Selbst die Vorstellung von einer aufgeklaerten Avant-garde, die das arbeitende «Volk» (Proletariat) vertritt, seine Interessen besser als es selbst versteht und eine «Erziehungsdiktatur» ausfuehrt, war eben jakobinistisch, man kann sogar sagen: buergerlich. So Lenin selbst: «...nicht nur bei uns, in einem der am meisten zurueckhaltenden kapitalistischen Laender, sondern in allen anderen kapitalistischen Laendern ist das Proletariat noch so zersplittert, so erniedrigt, stellenweise so korrumpiert..., dass die allgemeine Organisierung des Proletariats nicht faehig ist, seine Diktatur unmittelbar durchzufuehren. Diese Diktatur kann nur durch eine Avant-garde ausgefuehrt werden, die in sich die revolutionaere Energie der Klasse konzentriert...». Das heisst aber eben, dass in der Situation, als die proletarische Massen ihre «wirkliche» Interessen nicht «richtig» verstehen, soll die herrschende Avant-garde sie «mit dem eisernen Faust zum Glueck zwingen» (Parole im bolschewistischen Solowki-KZ).

Die soziale Zusammensetzung der jakobinistischer Diktatoren aehnelt sich stark der der bolschewistischen Fuehrung. Das waren die Schichten der revolutionaeren Intelligentsia, die sich selbst als eine wirkliche, besserwissende aber auch diskriminierte Elite verstanden. So war ihr Verhaeltnis gegenueber den «einfachen Leute» unvermeidlich zweideutig: indem man sich auch psychologisch von diesen trennte, erniedrigte man sich vor ihnen und missachtete sie gleichzeitig. Diese Orientierung ist alles andere als sozialistisch und jede sozialistische und kommunistische Rhetorik bleibt dabei voellig sekundaer.

Die revolutionaer-anarchistische Einschaetzung der Bolscheweiken und deren Rolle in der Revolution machte treffend ein Machno-Kampfgefaehrte Pjotr Arschinoff. Er schrieb in seiner «Geschichte der Machno-Bewegung»: «Obwohl die eigentliche Kraft aller grosser Revolutionen Arbeiter und Bauern waren..., waren doch die Fuehrer, Ideologen und Organisatoren der Formen und der Ziele der Revolution immer wieder nicht Arbeiter und Bauern, sondern abseits stehende, fremde Elemente, gewoehnlich eine Art Mittelelement, das zwischen der herrschende Klasse der absterbenden Epoche und dem Proletariat von Stadt und Dorf schwankte... Dank seiner klassengemaessen Eigenart, dank seiner Praetention auf Herrschaft im Staate, nahm es in Hinblick auf das absterbende politische Regime eine revolutionaere Haltung, wurde leicht... zum Fuehrer der revolutionaeren Bewegung. Doch indem dieses Element die Revolution... unter dem Banner ureigenster Arbeiter-und Bauerninteressen fuehrte, verfolgte es immer seine eignen engen Gruppen- oder Standesinteressen und war darauf bedacht, die ganze Revolution im Sinne der Begruendung der eigenen Herrschaft im Lande auszunutzen...

Die Idee vom Staate als solche, die Idee einer zwangsweisen Beherschung der Massen war stets solchen Individuen eigentuemlich, denen das Gefuehl der Gleichheit fehlte und bei denen der Egoismus vorherrschend war; denen die Menschenmasse nicht mehr war als Rohstoffmaterial ohne eigenen Willen, ohne Initiative und ohne Bewusstsein, unfaehig zu Akten gesellschaftlicher Selbstverwaltung». Das ist «der grundlegende Zug der Psychologie des Bolschewismus». «Unschwer laesst sich an diesen Merkmalen den alten Menschenschlag des Herrschers erkennen». Arschinoff nennt dieses Schicht «eine neue Kaste», «vierter Stand».

Ob es die Bolschewiken selbst wollten oder nicht, koennten sie mit solchen Vorstellungen keine andere Revolution realisieren als eine buergerliche, bestenfalls im Umschlag der sozialistischen Parolen. Die bolschewistische Diktatur in Russland hatte zuerst prinzipiell denselben Charakter wie die Jakobiner-Diktatur in Frankreich: das war die autoritaere Herrschaft der intellektuellen Elite. Trotzdem kann man die Rusische Revolution 1917–1921 eben nicht als eine einfache buergerliche Revolution verstehen. Die ihr machenden Massen wollten kein Kapitalismus und kaempften auch heftig dagegen – den Staatskapitalismus der Bolschewiken miteinbezogen.

Versuchen wir zuerst festzustellen, welche Revolution im Russland 1917 auf der Tagesordnung stand.

Nach der erniedrigenden Niederlage im Krim-Krieg 1856 wurde dem russischen Autokratie-Regime klar, dass es so weiter nicht gehen konnte. Wenn das Reich es wollte, sich halten, seine Konkurentgegner nachholen und eine Weltpolitik weitermachen, dann musste es wesentliche Schritte in der Richtung der militaerischen und d.h. auch oekonomischen Modernisierung unternehmen. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft und der forcierte Prozess der Aufpropfung der kapitalistischen Elemente von oben begann, der fuer die Laender mit der so genannten «nachholenden Entwicklung» charakteristisch ist. Der Staat schuff die Infrastruktur und das Bankenstruktur, baute die Fabriken, Werke und Eisenbahnen auf, die er dann spaeter privatisierte, als das Privatkapital schon imstande war, das Geld zu investieren und die Wirtschaft weiter zu fuehren. Diese Politik wurde auf Kosten der Bauerngemeinden finanziert. Die «Modernisierungs»-Bemuehungen waren sehr intensiv. Inwieweit gelang es doch Russland zum Jahr 1914 zu einem wirklich kapitalistischen Land zu machen?

Die Sozialdemokratie (bolschewistische miteinbezogen) tendierte immer dazu, den Entwicklungsgrad des Kapitalismus sowie den Grad der «Europaeisierung» Russlands zu ueberschaetzen. Ihre Vertreter sahen aber eher das, was sie wollten. In der Realitaet war Russland eher ein «Dritte-Welt-Land», um heutige Begriffe zu gebrauchen. In den Staedten setzte sich der Kapitalismus durch, die ueberwaeltigende Mehrheit der Bevoelkerung lebte aber auf dem Lande und der russische Markt war zu eng, um sich die kapitalistische Verhaeltnisse verbreiteten. Das Land existierte so zusagen in zwei verschiedener Welten. Die Mehrheit der Leute befand sich noch in den vorkapitalistischen Verhaeltnissen. Der bekannte Agrarwissenschaftler Tschajanow, der die oekonomische Zustaende im russischen Dorf forschte, stellte folgende Merkmale fest: obwohl die Mehrheit der Bauern schon keine reine Naturalwirtschaft betrieben und ihre Erzeugnisse auf dem Markt verkauften, fand die kapitalistische Akkumulation meistens fast nicht statt. Die ueberwaeltige Mehrheit der Bauern gab das ganze Geld fuers Essen oder fuer die industrielle Waren aus. Das waren die «vorkapitalistischen» Zustaende. Ihnen entsprachen auch die doerfliche Gemeinde-Strukturen. Sie wurden zwar allmaehlich aufgeloest, doch waren diese Prozesse sehr langsam und die Gemeinde blieb ziemlich standhaft. Die Versuche Stolypins ein fester Schicht des kapitalistischen Bauerntums auszusondern und die Gemeinde forciert zu zerlegen scheiterten bekanntlich und ein Rueckprozess des Zurueckkehrs der Bauern in die Gemeinde begann.

Aber auch in den russischen Staedte dieser Epoche sah der Kapitalismus ziemlich anders, als in Westeuropa oder in den USA. Das war entweder ein staatliches oder ein halbkoloniales und abhaengiges oder ein direkt auslaendisches Kapital, das sich vielmehr auf den Verkauf der Produkte im Ausland als auf den engen russischen Markt orientierte. Trotz alle Auswuechse des Kapitalismus war Russland insgesamt noch nicht vollkapitalistisch, nicht durchkapitalisiert. Die Anfaenfe der Industrialisierung, die von der Zarenregierung auferzogen wurden, traffen auf die harte historische Rahmen und die Niederlagen Russlands im 1.Weltkrieg demonstrierten ganz klar die wirtschaftliche und infrastrukturelle Schwaeche des Landes. D.h., strategisch gesehen, scheiterten alle Nachholversuche. Der Zarismus konnte Russland nicht zu einem militaerischen und industriellen kapitalistischen Riesen verwandeln.

Die Gruende dafuer sind im sozialen und politischen System des Zarismus zu sehen. Marx, obwohl er kein Anarchist oder «Narodnik» war, verstand ganz gut, dass Russland kein wirklich kapitalistisches Land werden konnte, ohne die Gemeinde-Strukturen zu zerstoeren, die Enge des inneren Marktes zu ueberwinden, die Marktstrukturen zu verallgemeinern, groessere finanzielle Mitteln und Arbeitskraefte fuer die kapitalistische Industrialisierung zu mobilisieren. Die Zarenregierung konnte sich das nicht leisten, da das gesamte Despotismussystem sich auf der Existenz der isolierten Bauerngemeinschaften gruendete. Die Schlange biss den eigenen Schwanz, konnte ihn aber nicht verschlucken. Man konnte die Modernisierungsgrenzen im Rahmen des existiertes System nicht ueberwinden. Die russische Bourgeoisie (mit ihren liberalen politischen Kraefte) war zu schwach und zu eng (auch wirtschaftlich) mit dem Zarismus verbunden, um einen Systemwechsel zu riskieren. So was konnten nur die Revolutionaere machen, die sowohl vom Zarismus und von der Bourgeoisie als auch von den Bauerngemeinden mit ihrem Widerstand gegen die Kapitalisierung unabhaengig waren. Nur sie waren faehig die Zerstoerung der Gemeinde bis zur Ende zu fuehren und eine Industrialisierung durchzufuehren, d.h. Formen der Organisation der Arbeit und der Produktion zu etablieren, die den kapitalistischen (buergerlichen) gesellschaftlichen Verhaeltnissen entsprachen. Die Bolschewiken wurden somit die Vollstrecker einer buergerlichen Revolution ohne Bourgeoisie, des kapitalistischen Industrialismus ohne zu schwachen Privatkapitalisten. Der Kapitalismus in Russland konnte nur auf einer besonderen Weise siegen: ohne die Privatkapitalisten, deren Rolle der Staat, die Partei und spater die Nomenklatur und die Technokratie uebernahmen. (Sowohl Voline, als auch Otto Ruehle unterstrichen die aehnliche Zuege in den Bestrebungen der Bolschewiken einerseits und der Intellektuellen und Technokraten in Europa in den 1920er – 1930er Jahren anderseits).

Vergessen wir auch nicht die internationale soziale Situation. Der Weltkapitalismus befand sich in einer ganz besonderen historischen Lage, und zwar in einem Wendepunkt des Uebergangs von einer fruehindustrialistischen Stufe zu einem neuen, «tayloristisch-fordistischen» kapitalistischen Industrialismus. Die Arbeitsteilung in der Produktion war noch nicht so stark detailliert und die Arbeiter, die von der handwerkerischen Vergangenheit die Stimmungen der Autonomie, eigener Kontrolle und Ganzheit ihrer Arbeit uebernahmen, verstanden noch den Sinn ihrer Arbeit und konnten sich die Moeglichkeit vorstellen, die Produktion selbst zu organisieren und zu leiten. Man konnte noch versuchen, den kapitalistischen Industrialismus weltweit zu eliminieren ehe er die Gruende des menschlichen Lebens zetstoerte und die Gesellschaft atomisierte. Revolution, sagte Walter Benjamin, ist Griff auf die Notbremse im Zug der Geschichte. Die Aufgaben dieser weltweiten sozialen Revolution wurden ganz gut von einem fuehrenden Aktivisten der argentinischen anarchistischen Massenorganisarion der Arbeiter FORA Emilio Lopez Arango formuliert: Das Proletariat «muss sich wie ein Mauer erheben, die die Expansion des industriellen Imperialismus stoppen wird. Nur so, indem man ethische Werte schafft, die faehig sind, bei Proletariat das Verstaendnis der sozialen Probleme unabhaengig von der buergerlichen Zivilisation zu wecken, kann man zum Aufbau der unzerstoerbaren Grundlagen der... Revolution kommen, der Revolution, die das Regime der Grossindustrie, der finanziellen, wirtschaftlichen und Handelstrusts zerstoeren wird».

Diese allgemeine Analyse erlaubt uns nun, prinzipielle Bestrebungen und Ideen-Kraefte im damaligen Russland zu verstehen. Die qualifizierten Arbeiter-Handwerker wollten ihre Betriebe selbst zu leiten und zu kontrolieren sowie ihre Qualifikation durch den Kapitalismus und durch die spezifischen Arbeitsteilung nicht zerstoeren lassen. Die unqualifizierte Arbeiter arbeiteten in der Stadt nur darum weil sie auf dem Lande keine Lebensmoeglichkeiten hatten; normalerweise moechteten sie in ihre Doerfer zurueck. Die Gemeinde-Bauern wollten sich von dem Staat, dem Kapitalismus, der Gutsbesitzer und der Grossbauern befreien und ihre Produkte gegen die Produkte der Industrie tauschen, indem es fuer sie ganz egal war, ob es dieser Tausch nun die Geldform nimmt oder nicht. Diese Bestrebungen und Wuenschen implizierten die Form, die die soziale Weltrevolution in Russland annehmen sollte. Naehmlich, die einer Verbindung der proletarischen Arbeiterrevolution in den Staedten und der Revolution der Gemeindebauern auf dem Lande. Beide Elemente konnten dann durch eine freie assoziative Foederation und durch die gemeinsame Hilfe kommunizieren, kooperieren und ihre soziale und wirtschaftliche Aktivitaeten auf einer libertaer-sozialistischen Grundlage koordinieren.

Diese Loesung entsprach aber gar nicht den Interessen der Bourgeoisie, der intellektuellen Elite und der Sozialdemokratie (Bolschewiken miteinbezogen). Sie wollten nicht zulassen, dass die Revolution in Russland die industriell-kapitalistische Rahmen verliess. Diese Revolution musste naehmlich – aus ihrer Sicht – vor allem die Aufgaben der weiteren industriellen Modernisierung Russlands loesen, d.h. die kapitalistische Form der Produktivkraefte weitertreiben.

Die Russische Revolution 1917–1921 muss als ein einheitlicher Prozess verstanden werden, obwohl auch keinesfalls linearer, sondern mit verschiedenen Linien, Aufstiege und Rueckgaenge. Sie begann im Februar 1917 ganz spontan in der Atmosphere der allgemeinen Unzufriedenheit und spiegelte gleichzeitig die sozialrevolutionaere Weltprozesse und die zivilisatorische Sackgasse der Zaristischen Autokratie wieder. Die Macht wurde zuerst von der Koalition der liberalen Bourgeoisie und der gemaessigeren Fraktionen der buergerlich-revolutionaeren «Intellektuellen» und Parteien-Funktionaere und im Oktober 1917 von den jakobinistischen Bolschwiken ergriffen. Fuer all diese Kraefte ging es in der Realitaet um das Weitertreiben der buergerlichen Revolution: jede von diesen Fraktionen war «revolutionaer» bis zu den gewissen Grenzen und wurde gegenrevolutionaer nachdem die Revolution sich weiter entwickelte und aus diesen Rahmen hinausging. So die Bolschewiken: sie gingen mit den Arbeitern und Gemeindebauern zusammen, als ihre Partei in der Opposition stand und die Unfaehigkeit der Gemaessigten kritisierte, die industriell-kapitalistischen Reformen duchzufuehren. Einmal die Regierungsmacht bekommend, wurden die Bolschewiken zu einer «Partei der Ordnung», die keine weitere (soziale) Entwicklung der Revolution wollte. Das Programm der bolschewistischen Regierung nach Oktober 1917 hatte un sich eigentlich nichts Sozialistisches: es ging um eine gemischte Wirtschaft und um eine Partnerschaft zwischen Staat und Privatkapital bei einer Nationalisierung oder Monopolisierung gewisser wichtigen Industrien und bei der Mitbestimmung der Arbeiter in der Betriebsleitung. Diese Massnahmen waren nicht mehr und nicht weniger «radikal» als z.B. die, die von der europaeischen Sozialdemokratie, Labours usw. nach dem 2.Weltkrieg realisiert wurden.

Aber paralell zu dieser «buergerlichen» (politischen) Revolution, in der es vor allem um die Staatsmacht ging fand eine andere, soziale Revolution von unten statt. Sie begann gleich nach Februar 1917. Die Parolen der Arbeitskontrolle und der Sozialisierung des Bodens entstanden und wurden immer populaerer, die arbeitenden Massen begannen, diese von unten, auf revolutionaren Weise realisieren. Neue soziale Bewegungen der arbeitenden Leute entstanden: Arbeiter-Raete, Bauern-Raete (in der Realitaet, Organe der Bauerngemeinden), Fabrikkommitees, Wohnviertelkommittees usw. An ihnen nahmen auch die Vertreter der Parteien teil, die versuchten, diese Masseninitiativen unter der Parteienkontrolle zu stellen. In der ersten Zeit dominierte aber eine unabhaengige Klassenlinie, die sich auf antikapitalistische soziale Umwaelzungen orientierte. Die Bauern besetzten die Latifundien und die Laendereien der Grossbauern, wandelten diese aber nicht ins privaten Eigentum um, sondern stellten sie unter der Kontrolle der Organen der bauerlichen Selbstverwaltung (erste Schritte zur Sozialisierung). Ziemlich stark war die sozial-revolutionaere Orientierung bei den Arbeitern in der Stadt. Auf dem 1. Gesamtrussischen Kongress der Gewerkschaften representierten die anarchistischen und maximalistischen Delegierten etwa 88 Tausend Arbeiter. Mehr noch: die Mehrheit der bolschewistischen Arbeiterbasisaktivisten der Fabrikkommittees nahmen 1917 in der Realitaet einen ganz anderen Kurs als ihre Parteileitung mit ihren offiziellen Programmen. Die Fabrikkommittees forderten eine Arbeiterselbstverwaltung, in der sie noch vage Konturen einer Kommune-Gesellschaft ahnten.

Die Ereignisse im Oktober 1917, als der Petrograder Rat die buergerliche Provisorische Regierung stuerzte, waren Ergebnis einer Entwicklung der Massenbewegungen nach Februar und keinesfalls einer bolschewistischen Verschwoerung. Die Leninisten benutzten einfach die revolutionaeren Stimmungen der Arbeiter und Bauern. Die Protokolle der Tagung des ZK der bolschewistischen Partei am 16. Oktober 1917 zeigen, dass die Bereitschaft der Bolschewiken, den Aufstand zu bewilligen, von den Informationen von Ort stimuliert wurden, dass sonst die Arbeitermasse, linksradikale Raete-Mitglieder sowie Anarchisten sich ganz unabhaengig gegen die Provisorische Regierung erheben werden. Dann koennte die Partei jede Kontrolle der Situation verlieren. Die Argumentation selbst zeigt, dass die Lenin-Trotzki-Anhaenger die Massenbewegung einfach gaengelten um sie dann vor der Tatsache ihrer Machtergreifung zu stellen.

Die Oktober-Ereignisse in Petrograd gaben aber eine Signale zur sozialen Vertiefung der Revolution. Nicht nur politisch entmachteten die lokale Raete jeweilige Regierungsorgane. Die Arbeiter besetzten massenhaft ihre Betriebe, fuerhten die Arbeiterkontrolle ein und forderten nach einer Sozialisierung der Industrie. Oft zwangen sie die bolschewistischen Behoerden – weder die staatskapitalistische Politik von oben – private Betriebe zu expropriieren, und diese dann als formell «nationalisierte» unter die Arbeiterverwaltung zu setzen. In den Doerfern verbreitete sich eine Gemeinde-Revolution, die einige Monate nach von einem Gesetz ueber die Sozialisierung des Landes anerkannt wurde. Das Privateigentum an Land und Boden wurde abgeschafft, das Land unter der Kontrolle der Bauernselbstverwaltung gestellt und einzelne Landstuecke wurden an den Bauernfamilien fuer die Bearbeitung (nicht als Eigentum!) ohne Lohnarbeit uebergeben. In einigen Ortschaften entstanden die Bauernkommunen. Fuer eine Zeit entstand eine reale Doppelherrschaft: massenhafte sozial-revolutionaere Bewegungen unten und eine bolschewistische Regierung oben, die zwar nur staatskapitalistisch-zentralistische Reformen im Sinne des radikalisierten deutschen «Kriegssozialismus» plante, aber unter dem Druck der Arbeiter und der Bauern schwankte und weiter gehen musste, als sie es beabsichtigte. (Wir expropriierten viel mehr, als zuerst beabsichtigten, empoerte sich Lenin spaeter im Fruehjahr 1918). Gleichzeitig wartete sie auf ihre Stunde und bereitete eine Gegenrevolution vor.

Den realen Sinn der Situation charakterisierte treffend Nikolaj Podwojskij, erster bolschewistischer Kriegsminister. In einem Vortrag 1919 raeumte er ein: «Arbeiter und Bauern, die an der Oktoberrevolution direkt teilnahmen, dachten diese fuer eine befriedigung ihrer unmittelbaren Beduerfnisse benutzen, indem sie ihre historische Bedeutung nicht verstanden. Die maximalistisch, mit einer anarcho-syndikalistischen Neigung gestimmte Bauern folgten uns in der Periode der destruktiven Zeitspanne der Oktoberrevolution, indem sie keine Divergenzen mit den Revolutionsfuehrern aufwiesen. In der Periode der konstruktiven Zeitspanne mussten sie natuerlich mit unserer Theorie und unserer Praktik auseinandergehen».

Entscheidende Schwaeche der sozial-revolutionaeren Tendenzen sind aber in ihrer fehlenden Koordination zu suchen. Deutscher Syndikalist A.Souchy, der Russland in der Zeit der Revolution besuchte, bezeugte: die Arbeiter uebernahmen die Betriebe, wussten aber nicht, wie sie die Produktion und die Verteilung der Produkte auf einer neuen Grundlage organisieren sollten; sie hatten auch keine organisierte Instrumente dafuer (z.B. Stadtkommunen oder syndikalistische Vereinigungen). Die Bauern waren stark lokalistisch orientiert. Die Versuche einen direkten, von unten organisierten Produktentausch zwischen Stadt und Land – beim besten Willen – ging nicht aus dem Stadium der ersten Experimente hinaus (sie wurden auch von den Behoerden strikt unterdrueckt). Eine wirklische Verbindung der Arbeiter- und der Dorfgemeinde-Revolution fand nicht statt.

Diese Schwaeche der Arbeiter-und Bauernbewegungen begeisterte die Bolscheweiken zu einer Gegenoffensive. Gleich nach Oktober versuchte die Partei die Situation unter ihrer Kontrolle zu behalten. So sollte das Arbeiterkontrolle-Dekret die Arbeiterselbstverwaltung den politischen Behoerden unterwerfen. Im Januar 1918 setzte man eine Vereinigung der Fabrikkommittees (Traeger dieser Tendenzen zur Arbeiterverwaltung in der Industrie) mit den Gewerkschaften durch (in den letzten hatten die Bolschewiken eine komfortable Mehrheit). Die Partei konnte aber noch ihre eigene Basis sicher kontrollieren. Desto mehr sollte sie die Existenz der bewaffneten linksrevolutionaren Garden (anarchistischen, maximalistischen, usw.) und Infrastrukturen (besetzten Haueser und Fabriken, von den Bolschewiken unabhaengigen Raete usw.) beruecksichtigen. Im Winter 1918 gab es schon erste Arbeiterrevolten gegen die bolschewistische Diktatur in einigen Staedten.

Die entscheidende Offensive der bolschewistischen Regierung gegen die arbeitenden Massen sowie die Ende der realen Doppelherrschaft wurden durch die zwei offiziellen Wenden im Fruehjahr 1918 markiert. Erstens war es der Brest-Litowsker Friedensvertrag mit Deutschland, der die soziale Weltrevolution mindestens verschob und die bolschewistische Einparteidiktatur unter dem Kaiserprotektorat befestigte. Zweitens bestaetigte Lenin das staatskapitalistische Wirtschaftsprogramm mit der despotischen Zentralisierung der Wirtschaft und der Disziplinierung der Arbeiter. Die linksoppositionelle Raete, Garden, Kommunen und andere Strukturen wurden aufgeloest und zerstoert.

Die Macht der Bolschewiken traff sich aber auf eine Herausforderung auch seitens der alten Eliten («Weissen») und der gemaessigten Sozialisten, die in einen blutigen militarisierten Buergerkrieg ueberging. Das war aber kein Zweikampf, sondern eher ein Dreikampf: zwischen Bolschewiken, «Weissen» und den arbeitenden Massen, wobei die terroristische Politik der ersten und der zweiten gegen die dritten ziemlich aehnlich war. Die bolschewistische Diktatur benutzte diese Situation fuer eine endgueltige Konsolidierung der «Komissaren-Herrschaft». Sie beraubte die Raete irgendwelche Selbststaendigkeit, vernichtete die Kooperativen, unterminierte die anarcho-syndikalistische Gewerkschaften, verstaatlichte die Industrie und unterwarf die Bauern den Requisitionen, die die Dorfeinwohner an den Rand des Hungertodes stellten. Die verstaatlichen Betriebe und ihre Vereinigungen (Trusts), in der Ukraine auch die grosse Laendereien wurden zentralisiert und unter einer buerokratischen Verwaltung gestellt, in die oefters auch ehemalige Eigentuemer inkorporiert wurden. Die kollektive Leitung wurde durch eine Einzelleitung ersetzt. Eine regulaere und militarisierte «Rote Armee» mit einer Zwangsmobilisierung, rangmaessigen Ehrenbezeigung, Rangendisziplin und Todessanktionen wurde organisiert und unter dem Kommando alter Offizieren und Generaele gestellt. Alle «Saboteure der Produktion» und «Faulpelzer» stellte man vor einem Kriegstribunal. Die halboffizielle Name fuer diese Politik («Kriegskommunismus») klingt wie eine Verhoehnung: die Verteilung der Produkte war streng hierarchisch und voellig antiegalitaer organisiert und die Geheimdienste und Beamten spekulierten mit den requisierten Gueter. Alle Proteste und Widerstaende (wie Streiks oder Bauernaufstaende 1919) wurden brutal unterdrueckt, Tausende von den arbeitenden Leute hingerichtet.

Der Krieg zwischen den Bolschewiken und den «Weissen» stellte die Anhaenger der sozialen Revolution in eine noch schwierigere Lage. Angesicht einer offenen Widerherstellung der alten Ordnung durch die «Weissen» akzeptierten mehrere Aktivisten eine von den Bolschewiken formulierte Alternative: entweder die Regierung der Komissaren zu unterstuetzen oder die «Weissen» kommen zu sehen. Die Logik eines kleineren Uebels funktionierte und zwang einige Anarchisten, Maximalisten oder «linke Sozialrevolutionaere» in die «Rote Armee» zu gehen oder von der Stoerung eines «sozialen Friedens» in der «roten» Zone zu verzichten. Das schwaechte natuerlich eine Moeglichkeit der unabhaengigen Klassenaktivitaeten. Die Bauernaufstaende gegen die «Weissen», die ziemlich oft unter den anarchistischen (Machno), maximalistischen oder «links-sozial-revolutionaeren» (Siberien) Einflussen standen, kaempften auch eine Zeit zusammen mit den «Roten» und eine entscheidende Rolle in der Vernichtung der «Weissen» spielten. In einigen Faellen gelang es diesen Aufstaendischen die soziale Revolution in ihren Territorien zu entwickeln, freie Arbeiter- und Bauernraete zu organisieren usw. Das fuehrte zu einigen neuen lokalen Aufschwuenge der sozialen Revolution.

Ende 1920 war der Buergerkrieg zwischen den «weissen» Gegenrevolutionaere einerseits und den Bolschewiken (buergerlichen Revolutionaere und soziale Gegenrevolutionaere gleichzeitig) im wesentlichen zu Ende. Den Bolschewiken gelang es das alten Reich wieder zu sammeln. Die Arbeiter- und Bauernmassen waren aber nicht mehr bereit, die oligarchische Diktatur unter der «revolutionaren» Maske zu ertragen, sei es nur als kleineres Uebel. Es begann eine hunderttausendleutestarke Bewegung 1920–1921 fuer eine «dritte Revolution», fuer die freie Raete, unabhaengige von der bolschewistischen Partei und ihrer Diktatur, gegen die Requisitionen und die antiegalitaere Verteilung, gegen die Privilegien der neuen Herrscher. Machno-Widerstand, Kronstadt und Westsiberische Bauernaufstand wurden zum Symbolen eines russischen Germinals, zu den letzten Aufbrueche der russischen sozialen Revolution. Die Situation war aber schon unguenstig fuer die revolutionaere Kraefte weltweits. Die soziale Weltrevolution verschluckte sich fast ueberall. Die russische Arbeiterklasse wurde durch den langen Krieg und den Repressionen von allen Seiten geschwaecht. Die Bauernmassen stellten sich eine soziale Alternative manchmal ganz konfus vor. Die bolschewistische Diktatur, die schon als Ordnungskraft (keine Revolution mehr!) in einen offenen Krieg mit den arbeitenden Massen einging und sich somit einen «Selbst-Thermidor» durchfuehrte, zog mit der alten Strategie «Teile und herrsche» ins Feld. Die offene und aktivste Aufstaende wurden militaerisch unterdrueckt und ihre Aktivisten drakonisch bestraft. Anderseits wurde aber das System der Requisitionen gegenueber den Bauern abgeschafft und durch einer Naturalsteuer ersetzt. Diese «neue oekonomische Politik» brachte aber weder freie Raete noch mehr Gleichheit sondern offene Kompromisse mit den Privatkapitalisten und beschleunigte Differenziierung der Bauern mit sich. Der Staatskapitalismus triumphierte, die soziale Revolution erlang eine endgueltige Niederlage. Die Russische Revolution war zu Ende. In den naechsten Jahren folgte den Leninschen Jakobiner und Selbst-Thermidorianer die miteinander kaempfenden thermidorianische Eliten und dann der stalinistische Bonapartismus der sttatsbuergerlichen Nomenklatura... Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.