Erst im Kielwasser der schrecklichen Niederlagen, welche das Proletariat in den 20er Jahren erlitt, und angesichts des Auftretens einer Gesellschaft in Russland, die all ihre Hoffnungen zerschlug, begann eine gewisse Anzahl von Revolutionären - wie Otto Rühle - die Position aufzugeben, die 1917 einheitlich vertreten wurde. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der "Nationalsozialismus" in Deutschland die Bevölkerung für einen neuen imperialistischen Krieg mobilisierte, als der Antifaschismus die gleiche Arbeit in den "Demokratien" verrichtete, und der "Sozialismus in einem Land" - in Wirklichkeit einer der barbarischsten Formen des Kapitalismus -in Russland gestärkt war. Innerhalb bestimmter revolutionärer Strömungen, die dem Untergang der Kommunistischen Internationale entwichen waren, begann man eine Theorie auszuarbeiten, die die Oktoberrevolution als bürgerliche Revolution eines "besonderen Typus" betrachtete.[1]
1934 wurden die "Thesen über den Bolschewismus" in den Organen der rätekommunistischen Bewegung (Rätekorrespondenz Nr.3 und Internationale Rätekorrespondenz) veröffentlicht. Gemäß dieses Textes hieß es:
"8. Wirtschaftlich war der russischen Revolution die Aufgabe gestellt, erstens den versteckten Agrar-Feudalismus und die fortbestehende leibeigenschaftliche Bauernausbeutung zu beseitigen, die Landwirtschaft zu industrialisieren und unter die Bedingungen moderner Warenproduktion zu stellen, zweitens die unbegrenzte Schaffung einer Klasse tatsächlich "freier Arbeiter" zu ermöglichen und die industrielle Entwicklung von allen feudalen Fesseln zu befreien. Die wirtschaftlichen Aufgaben der russischen Revolution waren somit in ihren Grundzügen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution.
9. Politisch war der russischen Revolution die Aufgabe gestellt, den absoluten Staat zu zertrümmern, die Bevorrechtung des Feudaladels als des ersten Standes zu beseitigen, eine politische Verfassung und einen staatlichen Verwaltungsapparat zu schaffen, die die Lösung der wirtschaftlichen Aufgaben der Revolution politisch sicherten. Die politischen Aufgaben der russischen Revolution waren also durchaus entsprechend ihren wirtschaftlichen Voraussetzungen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution."
Hier finden wir fast Wort für Wort die Position der Menschewiki wieder, die zu den schlimmsten Feinden des Proletariats zählten. Der einzige bemerkenswerte Unterschied war, dass die Menschewiki aus ihrer Analyse folgerten, es sei notwendig, die Macht der klassischen Parteien und Institutionen der Bourgeoisie zu übergeben (Kadetten, Provisorische Regierung, Nationalversammlung), wohingegen die "Rätekommunisten" argumentierten, die Durchführung der bürgerlichen Revolution sei die Aufgabe der "Bolschewiki". Wie ist es zu erklären, dass einige der Revolutionäre, die den Oktober 1917 als eine proletarische Revolution begrüßt hatten, schließlich zu der Analyse der Menschewiki, gelangten?
In seinem 1938 geschriebenen Buch "Lenin als Philosoph" klärt Anton Pannekoek diese Frage auf. In Bezug auf "Materialismus und Empiriokritizismus" schreibt er:
"Es kommt manchmal vor, dass eine theoretische Schrift nicht das unmittelbare Milieu und die Absichten des Autors, sondern breitere und indirekte Einflüsse sowie allgemeine Ziele er- sehen lässt. In dem Buch Lenins jedoch ist nichts dergleichen zu erkennen. Es ist mit all seinen Kräften eindeutig und ausschließlich auf das Bild der russischen Revolution gerichtet. Dieses Werk stimmt soweit mit dem bürgerlichen Materialismus überein, dass man hätte voraussehen können, dass die russische Revolution auf die eine oder andere Weise zu einer Art auf einem Arbeiterkampf basierenden Kapitalismus werden musste, hätte man es zu dieser Zeit in Westeuropa gekannt und richtig interpretiert." (eigene Übersetzung aus dem Französischen)
Kurzum, der "Schlüssel" zu dem Wesen der Russischen Revolution, der weder im Angesicht des imperialistischen Krieges 1914 noch 1917 inmitten der großen Klassenkonfrontationen in Russland und überall auf der Welt aufzufinden war, der sich auch nicht in den Trägern der Revolution und eben sowenig in deren Methoden oder deren Erklärungen und Aufrufen an das Proletariat aller Länder befand - dieser "Schlüssel" befand sich in Wirklichkeit in einer philosophischen Arbeit, die 1908 veröffentlicht worden war, und die 1927 "zu spät" in andere Sprachen übersetzt wurde. Denn: "Wenn die westlichen Marxisten das Buch und die Ideen Lenins vor 1918 gekannt hätten, wären sie zweifellos zu einer lebendigeren Kritik seiner Taktik für die Weltrevolution fähig gewesen."(idem) Tatsächlich lag der wirkliche Grund für diese späte Entdeckung nicht an dem Informationsmangel seitens der "westlichen Marxisten" über bestimmte philosophische Auffassungen Lenins, sondern in der enormen Verwirrung, die die Konterrevolution unter den Revolutionären selbst gestiftet hatte, unter jenen wenigen Militanten, die versucht hatten, die Prinzipien des Kommunismus inmitten dieses Sturmes aufrechtzuerhalten. Eine Verwirrung und Enttäuschung, die, wie wir später sehen werden, sie dazu führte, die marxistische Methode aufzugeben, die es den Revolutionären einschließlich der Bolschewiki 1917 erlaubt hatte, das wahre Wesen der Revolution zu begreifen, die in Russland ausgebrochen war.
[1] Siehe: "Die Epigonen des Rätekommunismus", International Review (Engl./Franz. Nr.2"); "Die Degeneration der Russischen Revolution", Internationale Revue (Deutsch) Nr.2; "Die Lehren der Kronstädter Ereignisse", Intern. Review Nr.3;
" Plattform der IKS"; Intern. Review Nr.5 Engl./Franz. " Die Kommunistische Linke in Russland"; Inter.Review Nr. 9/10 "Texte zur Übergangsperiode"; Intern. Review Nr.11, Engl./Franz. "Beiträge zur Rolle des Staates in der Übergangsperiode“, International Review Nr.6 Engl/Franz;
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